Ein ziemlich buntes Künstlerleben

Tino Eisbrenner: Das einstige Teenie-Idol ist heute ein vielseitiger Musiker

Ein ziemlich buntes Künstlerleben

Eigentlich wollte er ja Schauspieler werden. Die Zulassung für die Hochschule in Leipzig hatte Tino Eisbrenner schon in der Tasche. Doch als seine Ost-Berliner Band Jessica vom englischen Fernsehen entdeckt wurde und plötzlich durchstartete, entschied er sich für die Musik. „Das war eine rasante Zeit“, erinnert sich der damalige Frontmann.

Drei Jahre lang ging es für die junge Gruppe steil bergauf. Mit „Ich beobachte Dich“, „Bring mir die Sonne“, „Mama“ und „Spieler“ landeten die Jungs einen Hit nach dem anderen. Ihre Fangemeinde wuchs immer schneller an. Von 1984 bis 1986 ging es auf große Tournee durch die Ostblock-Staaten. „Wir dachten, wir sind nicht zu bremsen“, sagt der heute 54-Jährige. Doch noch vor der Wende kam das Aus für Jessica. Die Band hatte sich mit einigen staatlichen Kulturlenkern der DDR angelegt. Kurze Zeit später wurden mehrere Mitglieder zur Armee einberufen. Tino Eisbrenner, der nie Solist werden wollte, schlug daraufhin seinen eigenen Weg ein.

 

Selbstfindung bei Indianern

Aus dem Teenie-Idol von einst ist inzwischen ein charismatischer Kosmopolit geworden, der mit seiner Musik schon die halbe Welt bereist hat. Dass er heute vom Künstlerdasein gut leben kann, schien kurz nach der Wende noch wenig aussichtsreich. „In den 90ern haben wir um jedes Konzert gebettelt.“ Um sich selbst zu finden, lebte und arbeitete Tino Eisbrenner Ende der 90er bei und mit mexikanischen Indianern. Zurück in Deutschland machte er nicht nur deutschsprachige Musik mit internationalen Einflüssen, sondern startete auch sein Brecht-Programm, spielte verschiedene Fernsehrollen, moderierte erfolgreich Jugendweihen und war Herausgeber der Zeitschrift „Melodie & Rhythmus“.  

 

Musik statt Krieg

Ein absolutes Herzensprojekt hat der Vollblutmusiker mit dem Festival „Musik statt Krieg“ auf seinem eigenen Bauerngehöft etabliert. Jedes Jahr im August  lockt die Veranstaltung renommierte Musiker und Hunderte Besucher in das kleine mecklenburgische Dorf Plath. Damals, vor 15 Jahren, animierte ihn der Irak-Krieg und Amerikas „War on Terror“ dazu, Musik für den Frieden zu machen. Bei der Abschlusskundgebung der großen Berliner Friedensdemonstration am 15. Februar 2003 sang Tino Eisbrenner vor einer halben Million Menschen.

Heute sind es die Stimmungsmache gegen Russland und  die Putin-Verteufelung, gegen die Tino Eisbrenner die Stimme erhebt. „Warum kann man gerade uns in Ostdeutschland heute wieder erklären, dass die Russen der nebulöse­ Feind sind?“, fragt sich der Liedermacher. „Wir Ossis kannten die Russen, wir hatten persönliche Kontakte in die Sowjet­union, haben russische Filme geguckt und Märchen gelesen. Es gab keinen Kessel Buntes­, ohne dass man nicht jemanden Kasatschok hat tanzen sehen.“

Im Sinne der Völkerverständigung zwischen Europa und Russland hat Tino Eisbrenner, der Brückenbauer, russische Rock- und Bardensongs ins Deutsche übersetzt. Einige davon wird man vielleicht auch wieder am ersten August-Wochenende bei „Musik statt Krieg“ hören. Außerdem gibt es dort einen Vorgeschmack auf die neue Tour des „Hausboot“-Duos Tino Eisbrenner und Heiner Lürig. Kürzlich ist „Fluss der Zeit“, das zweite Album der beiden Musiker, erschienen.

 

Auftritte im Bezirk

Obwohl er seinen Lebensmittelpunkt inzwischen in der Feldberger Seenlandschaft vor den Toren Neubrandenburgs hat, zieht es Tino Eisbrenner für Auftritte immer noch häufig nach Berlin. In Marzahn-Hellersdorf konnte man den Rockpoeten erst kürzlich beim Classic Open Air in Helle Mitte erleben – unter anderem als Moderator und mit seiner Show „Spieler 30 – Kopfsprung in die Achtziger.“ Ein Wiedersehen im nächsten Jahr schließt Tino Eisbrenner, der auch schon mehrfach in der Kiste und auf der Biesdorfer Parkbühne aufgetreten ist, keineswegs aus. Vor allem das Ambiente auf dem baumbestandenen Fritz-Lang-Platz habe ihn beeindruckt. „Mit dem Bombenwetter dazu kam ich mir vor wie auf einer Plaza in Lateinamerika. Das war großartig.“ 

 

Foto: David Sünderhauf