Union-Legende Jimmy Hoge gestorben

Der ehemalige DDR-Nationalstürmer wurde 77 Jahre alt

Union-Legende Jimmy Hoge gestorben

Der 1. FC Union Berlin trauert um sein Ehrenmitglied Günter „Jimmy“ Hoge. Der ehemalige DDR-Nationalstürmer starb am Montag im Alter von 77 Jahren nach schwerer Krankheit. Hoge war Publikumsliebling bei den Eisernen und feierte mit seiner Mannschaft 1968 den bislang größten Erfolg der Klubgeschichte: den Gewinn des FDGB-Pokals. 

„Die Hellersdorfer“ traf Jimmy Hoge zuletzt im Januar 2016 zum Interview. Den ganzen Artikel gibt es hier noch mal zum Nachlesen:

 

 

Ballkünstler und Querkopf

Union-Legende Jimmy Hoge wohnt seit 25 Jahren in Hellersdorf

 

Er bestritt sechs Länderspiele für die DDR-Auswahl und gehörte zur glorreichen Union-Elf, die 1968 den FDGB-Pokal nach Berlin holte. Die Fans feierten Günter „Jimmy“ Hoge für seine genialen Dribblings, Finten und Torvorlagen. Für die DDR-Sportfunktionäre aber war der Fußball-Rebell ein rotes Tuch. Seine unangepasste Art, der lockere Lebenswandel brachten ihm immer wieder Ärger ein und führten letztlich zum vorzeitigen Karriere-Aus.

 

Wuseliger Außenstürmer

Dass er mit dem Ball umgehen kann, beweist Jimmy Hoge schon in jungen Jahren. Auf dem Vorplatz der Lichtenberger Glaubenskirche in der Magdalenenstraße kickt der Blondschopf in den frühen Nachkriegsjahren immer bei den Älteren mit.

Sein erster Verein wird Lichtenberg 47. Von hier aus­ schafft er den Sprung in die Stadtauswahl und später zum Armeesportklub (ASK) Vorwärts Berlin, mit dem er zwei Meisterschaften in der DDR-Oberliga gewinnen kann. 1961 gibt der wuselige Außenstürmer auch sein Debüt in der Nationalmannschaft.

 

Jimmy Hoge wird Köpenicker

Doch weil er sich nicht als Offizier verpflichten lassen will, streicht Jimmy Hoge 1962 beim ASK die Segel. „Armee war einfach nicht so meine Sache“, sagt der heute 75-Jährige. Das darauffolgende Engagement bei Motor Köpenick ist nur von kurzer Dauer. Um wieder für die DDR-Auswahl berücksichtigt zu werden, muss er sich einen besseren Verein suchen. Eine Anfrage aus Jena lehnt die Berliner Pflanze aber trocken ab: „Damit ich nach Jena komme, müsst ihr erst mal ’ne U-Bahn bauen.“ Obwohl beim BFC Dynamo das meiste Geld winkt, entscheidet sich Jimmy Hoge für den TSC Berlin. Aus dem Verein geht wenig später der 1. FC Union Berlin hervor.

 

Lob von Weltfußballer Pelé

Als Unioner gelingt Hoge auch wieder die Rückkehr in die Nationalelf. Bei einer Südamerika-Reise der DDR-Auswahl hinterlässt der Mann mit der Rückennummer 7 mächtig Eindruck. Brasiliens Nationalheld Pelé kann es kaum fassen. Hoge müsse auf seinem verlängerten Rücken einen Motor eingebaut haben, soll Pelé­ gemutmaßt haben. „Er war 90 Minuten in Bewegung und gönnte sich keine Verschnaufpause.“ Der belgische RSC Anderlecht umwirbt den Spieler regelrecht. „Der Gedanke abzuhauen war schon da“, gibt Jimmy Hoge­ zu. Doch die Angst vor den Konsequenzen ist groß, „außerdem ging es mir als Fußballer im Osten ja nicht schlecht. Im Vergleich zu einem Facharbeiter habe ich sehr gut verdient.“

 

Pokalheld mit Ecken & Kanten

Hoge bleibt bei Union und entwickelt sich zum absoluten Publikumsliebling. 1968 in Halle erleben die Eisernen die Sternstunde ihrer bisherigen Vereinsgeschichte. Im FDGB-Pokalfinale kann die Mannschaft gegen den damaligen Klassenkrösus Carl Zeiss Jena noch einen 0:1-Rückstand drehen und den haushohen Favoriten überraschend mit 2:1 besiegen. Am darauffolgenden Tag dürfen sich die Pokalhelden ins goldene Buch der Stadt Berlin eintragen. Doch einer fehlt: Jimmy Hoge. Er war am Abend nach dem Triumph mit Jena-Torwart Blochwitz bei ein paar Bier versackt und hatte es nicht mehr rechtzeitig ins Rote­ Rathaus geschafft. „Das haben sie mir schwer übel genommen.“

 

„Ich war klinisch tot.“

Die Freude über den Pokalsieg ist schnell getrübt. Die politischen Wirrungen um den „Prager Frühling“ bringen Union ums Europapokal-Debüt. Und für Jimmy Hoge reißt die Pechsträhne nicht ab. Weil er sich wenig aus Politik macht und gerne mal aneckt, ist er bei Funktionären nicht gut gelitten. Im Oktober wird er vom Verband erstmals für ein halbes Jahr gesperrt – wegen „disziplinarischer Verfehlungen“. 1970 dann eine erneute Sperre, diesmal für sechs Jahre. „Da war ich klinisch tot.“ Hoge wird vorgeworfen, beim Besuch einer Gaststätte gemeinsam mit seinem ehemaligen Coach Werner Schwenzfeier während der Übertragung eines Länderspiels der BRD die Nationalhymne des Klassenfeinds angestimmt zu haben. „Das ist totaler Quatsch“, ärgert sich Jimmy Hoge. „Ich kann die Hymne bis heute nicht.“ Er weiß mittlerweile, wer und was wirklich hinter der Sperre steckte. Verraten will er es nicht.

 

Ohne Fußball geht es nicht

Nach dem Karriere-Aus arbeitet der ehemalige Nationalspieler als Schlosser beim Reichsbahnausbesserungswerk an der Revaler Straße. Sein Zuhause­ hat Jimmy Hoge seit 25 Jahren in Hellersdorf. Von seiner Zweiraumwohnung im zwölften Stock genießen er und Lebensgefährtin Brigitte eine atemberaubende Aussicht. „Wir fühlen uns hier sehr wohl“, sagt er.

Dem Fußball bis heute treu, betreut Hoge den brandenburgischen Landesligisten MSV Rüdersdorf und kickt manchmal sogar noch selbst – mit den Traditionsmannschaften der DDR und von Union. Auch in der Alten Försterei, seit Jahren ist er Union-Ehrenmitglied und wird als Kultfigur gefeiert, trifft man ihn wieder häufiger an. Den Aufstieg der Eisernen ins Bundesliga-Oberhaus, glaubt Hoge, werde er nicht mehr erleben. „Die Fans hätten das aber schon längst verdient.“