Fürs Abi ist es nie zu spät

Am Victor-Klemperer-Kolleg holen Erwachsene ihren Schulabschluss nach

Fürs Abi ist es nie zu spät

Eigentlich hatte Tony Piesker die Schulzeit schon hinter sich gelassen. Mit der Mittleren Reife in der Tasche absolvierte er eine Ausbildung zum Altenpfleger, begann dann aber, sich mehr und mehr für Psychologie zu interessieren. Schließlich wollte es der heute 28-Jährige noch mal wissen.

Der Traum vom Medizinstudium führte ihn ans Victor-Klemperer-Kolleg in Marzahn (Martha-Arendsee-Straße 15), wo er in diesem Frühjahr sein Abitur ablegen wird – vermutlich mit einem Notendurchschnitt von 1,0.

So wie Tony Piesker machen es jährlich Tausende Berliner. Um ihren Schulabschluss nachzuholen, lernen sie auf dem sogenannten zweiten Bildungsweg im Vollzeitunterricht drei Jahre lang an einem der fünf Berliner Kollegs. Elternunabhängiges BAföG, das nach der Ausbildung nicht zurückgezahlt werden muss, sichert ihren Lebensunterhalt.

 

Warum sich Erwachsene für eine zweite Schulzeit entscheiden, dafür gebe es ganz unterschiedliche Gründe, sagt Marion Hoffmann. Sie hat das Victor-Klemperer-Kolleg vor 27 Jahren mit aufgebaut, leitet die Einrichtung bis heute und kennt die Biografien ihrer Schüler ganz genau. Einige haben einst die Schule abgebrochen, weil sie Krach mit den Eltern oder vom Unterricht und den Lehrern einfach die Nase voll hatten. Andere sind früh selbst Eltern geworden oder wurden von gesundheitlichen Problemen zurückgeworfen. Und nicht wenige suchen nach ersten Berufserfahrungen eine neue Herausforderung. Anna Borrmann gehört zu dieser Gruppe. „Ich bin gelernte Fleischereifachverkäuferin und liebe meinen Beruf eigentlich, aber die Arbeitsbedingungen haben sich so verschlechtert, dass ich das auf Dauer weder körperlich noch finanziell schaffe“, erklärt sie. Ursprünglich liebäugelte sie mit einem Linguistik- und Germanistikstudium, nun aber möchte die 35-jährige Mutter eines 13-jährigen Sohnes Grundschullehrerin werden. Die engagierten Lehrkräfte am Kolleg seien ihre Inspiration dazu gewesen, sagt sie.

 

Anna Borrmann, Tony Piesker und ihren 600 Mitschülern eröffnet das Victor-Klemperer-Kolleg jede Menge neue Chancen. Die Fächervielfalt reicht von Politikwissenschaft bis Psychologie und hilft dabei, individuelle Interessen zu erkennen. Aber der Weg zum Abi ist auch am Kolleg kein Kinderspiel: das Lernpensum entspricht dem an Regelschulen und auch die Prüfungen sind die gleichen. Mit Bestehen der 11. Klasse ist der Mittlere Schulabschluss (MSA) geschafft, Klasse 12 führt die Kollegiaten zur Fachhochschulreife. Oberstes Ziel ist das Abitur in Klasse 13. Und die Erfolgsquote der Absolventen ist hoch, der Abidurchschnitt häufig besser als an den Berliner Oberschulen. Doch obwohl das Victor-Klemperer-Kolleg einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leistet und inzwischen auch Lehrgänge für Flüchtlinge etabliert hat, führt es in der öffentlichen Wahrnehmung weiterhin ein Schattendasein. „Nicht einmal die Jobcenter oder die Berufs- und Studienberatungszentren kennen uns“, beklagt Mathe- und Physiklehrer Victor Wolter die fehlende Lobby.

 

Eine, die sich seit vielen Jahren für die Kollegs einsetzt, ist die Marzahn-Hellersdorfer SPD-Abgeordnete Iris Spranger. Sie ist Vorsitzende des Fördervereins und konnte nach langem Kampf erreichen, dass die fünf öffentlichen Einrichtungen der Erwachsenenbildung in Berlin von nun an mit einem jährlichen Zuschuss von je 100.000 Euro aus dem Bonusprogramm des Senats bedacht werden. Mit dem Geld soll am Victor-Klemperer-Kolleg unter anderem eine Sozialpädagogen-Stelle finanziert werden. „Viele unserer Schüler haben bereits Kinder und wegen ihrer Doppelbelastung einen besonderen Bedarf an sozialpädagogischer Betreuung“, schildert Marion Hoffmann. Wenn nun noch der Wunsch nach einer Kita auf dem Schulgelände und einer sanierten Turnhalle erhört wird, wäre die Leiterin des Victor-Klemperer-Kollegs rundum zufrieden.