Mit jedem Pieks wächst die Hoffnung auf Normalität

Impfaktion im Wohnpark am Cecilienplatz

Mit jedem Pieks wächst die Hoffnung

Weniger als ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie läuft die größte Impfkampagne in der Geschichte des Landes. Während es an vielen Orten holpert und stottert, gingen die Aktionen im Wohnpark am Cecilienplatz recht gut über die Bühne. Ende Januar wurden neben den besonders gefährdeten Heimbewohnern auch einige Pflegekräfte mit der zweiten Dosis der begehrten Flüssigkeit aus dem Hause Biontech/Pfizer immunisiert.

Roma Jaster kann ein klein wenig durchatmen. Die vergangenen Wochen hatten es in sich. Seitdem aufwendige Abstands- und Hygieneregeln, Schnelltests und Besuchsbeschränkungen zum Alltag gehören, ist die Qualitätsmanagementbeauftragte des Pflegewohnheims ohnehin ständig am Rotieren. Die Vorbereitung der Impfaktionen aber kostete zusätzlich Zeit und Kraft. Zwar ist der Pieks in den Oberarm nur eine Sache von Sekunden, im Vorfeld aber ging es in der sonst so beschaulichen Einrichtung der Pflegewohnzentrum Kaulsdorf-Nord gGmbH ziemlich hoch her. Es mussten Abfragen zur Impfbereitschaft bei den Heimbewohnern gemacht und an den Senat gemeldet, etliche persönliche Gespräche und Telefonate mit Angehörigen und Betreuern geführt, Formulare ausgefüllt, Einverständniserklärungen eingeholt und Konzepte erarbeitet werden.

 

Die Impfungen selbst erhielten die Bewohner schließlich ganz entspannt in ihrer vertrauten Umgebung: Jeden Einzelnen suchten die Ärzte dazu in den Zimmern auf. Was für die Senioren allergrößten Komfort bedeutete, spürten alle anderen am Ende des Tages gehörig in den Beinen. 

Trotzdem zeigten sich Roma Jaster und die Pflegekräfte mit dem Ablauf der insgesamt vier Termine äußerst zufrieden. Aufregung herrschte nur kurz einmal, als am 19. Januar das Impfteam einen Tag früher als angekündigt auf der Matte stand. Doch schnell beruhigten sich die Gemüter wieder, zumal klar war, dass es kein Zurück geben konnte: Die Vakzine hatten die Kühlung schließlich schon verlassen. 

 

Eine, die in dieser Ausnahmesituation mitanpackte, war Anette Ajrulahi. Die Betreuungsassistentin erklärte sich spontan bereit, durch das ganze Haus zu flitzen und dem zuständigen Arzt die aufgezogenen Spritzen zu überreichen. Ihr Fitness-Tracker meldete am Abend 12.000 Schritte – persönlicher Rekord!         

 

Weil bei den Erstimpfungen Ende Dezember noch Dosen übriggeblieben waren, hatte sich Anette Ajrulahi spontan eine Spritze geben lassen. Wohnbereichsleiter Jan Krause krempelte ebenfalls die Ärmel hoch: „Da ich keine Vorerkrankungen habe, stand für mich ziemlich schnell fest, dass ich mich impfen lasse. Ich vertraue da auf die recht hohen Zulassungsstandards hierzulande“, sagt der Familienvater. Viele Kolleginnen und Kollegen würden das ähnlich sehen. Auch Roma Jaster versichert: Komplette Verweigerer gebe es unter den Pflegekräften keine. Wer aktuell noch abwarten wolle, wäge sehr gewissenhaft ab. 

 

Lob für die Aufklärungsarbeit im Wohnpark am Cecilienplatz gab es von der impfenden Ärztin Dr. Brigitte­ Jost-Reuhl, die am 20. Januar 84 Personen impfte. „Die Senioren waren sehr gut vorbereitet. Alles hat problemlos geklappt.“ Seit dem 29. Dezember ist die Gynäkologin mit den freiwilligen Impfteams berlinweit im Einsatz. „Ich habe von Anfang an gesagt, wenn es mit den Impfungen losgeht, bin ich dabei und helfe mit. Das ist für mich selbstverständlich.“

 

Viele Bewohner hoffen nun darauf, dass ihnen die Immunisierung schnellstmöglich Normalität zurückbringt. Brigitte Wermuht zum Beispiel leidet sehr darunter, dass sie nur telefonisch mit ihren zwei Söhnen Kontakt halten kann. Beide Männer arbeiten lange und schaffen es nicht zu den Öffnungszeiten der bezirklichen Abstrichstelle. Ohne Schnelltest aber wird niemand ins Haus gelassen. „Es tut weh. Ich habe Entzugserscheinungen, weil ich meine Kinder nicht sehen kann“, klagt die 85-Jährige. 

Trotzdem bringt die Seniorin Verständnis für die strengen Besuchsregeln auf. Immerhin musste sie selbst erfahren, wie schnell man sich mit Corona anstecken kann. Brigitte Wermuht ist nach einer Infektion wieder gesund. Andere aus ihrem Wohnbereich hatten nicht so viel Glück. Ihre Zimmer stehen leer. „Es wird Zeit, dass diese Pandemie ein Ende hat“, sagt die Rentnerin.