Die allermeisten Kleingartenanlagen in Marzahn-Hellersdorf sind für immer gesichert

Norbert Franke wirkt unermüdlich für den Bestand und für neue Parzellen

Die allermeisten Kleingartenanlagen in Marzahn-Hellersdorf sind für immer gesichert

Dr. Norbert Franke, seit 1977 Vorsitzender des Bezirksverbandes­ der Gartenfreunde Hellersdorf e.V., ist mitverantwortlich für 19 als Vereine organisierte Kleingartenanlagen und somit für 2.178 Parzellen in Mahlsdorf, Kaulsdorf und Hellersdorf. Seit viereinhalb Jahrzehnten agiert er gut vernetzt und ehrlich für das Kleingartenwesen im Bezirk. Man kennt ihn bodenständig und realistisch. Andererseits gesteht der 76-Jährige: „Ich mochte schon immer träumen“. Bereits in jungen Jahren verschlang er Zukunftsromane.

Lieber Norbert, fester verwurzelt kann keine Berliner Pflanze sein! Bist Du von hier?

Nach Ausbombung in Friedrichshain zog meine Familie nach Lichtenberg in die Scheffelstraße, die grenzte an Gärten voller Obstbäume. Du kannst Dir vorstellen, dass meine Freunde und ich dort ab und zu wilderten, denn damals gab es wenig Essbares zu kaufen. Später, dem Flegelalter längst entwachsen, meldeten meine Frau und ich uns für einen Kleingarten an. Wir wohnten im Marzahner Neubaugebiet. Ich musste zwar sofort im Kreisvorstand Marzahn mitarbeiten, erhielt aber erst drei Jahre später eine Parzelle in Biesdorf, sie  war mal der Frühsport-Kommissplatz der russischen Truppen, also komplett festmarschiert. Für eine lockere Krume schafften wir einen Bagger herbei. Als ich mit der Laube begann, kam der U-Bahnbau …

 

… und Ihr musstet umziehen?

Unsere nächsten zwei Gärten entpuppten sich als Westgrundstücke und seit vier Jahren ackern wir auf einer Scholle in der Elsenstraße.

 

Kleingärten stehen hoch im Kurs. War das schon immer so?

Seit der Wende hatte der Hellersdorfer Verband niemals Leerstand. Jetzt interessieren sich immer mehr junge Familien, es sind 35 Prozent unserer Bewerber. Insgesamt liegen etwa 1.250 Anträge vor. Dennoch kann man sich weiterhin online oder direkt bewerben.

 

Rückt denn niemand ab?

Doch, es gibt pro Jahr durchschnittlich einhundert Pächterwechsel. Die Übergabe läuft komplett transparent über die Geschäftsstelle bzw. über die Pächterwechselbeauftragten der Vereine. Um die Zahl der Parzellen zu erhalten, kämpfen wir für den Erhalt.

 

Seit wann kämpft Ihr darum?

Nach der Wende war schnell klar, dass Kleingartenanlagen potenziell bedroht sind. Im Jahr 1993 haben in Marzahn wie auch in Hellersdorf die Bezirksverordneten beschlossen, die Anlagen zu erhalten und durch Bebauungspläne zu sichern.

 

Nun gut, es waren Beschlüsse ...

Der Bezirk hielt sein Wort. 80 Prozent unserer Anlagen bleiben garantiert erhalten. Für den Rest gibt es noch kein Bebauungsplanverfahren. Das brachte mir in meiner Funktion leidige Grundsatzdiskussionen mit Berliner Regierungsfunktionären und -beamten ein. Die Senator*innen, leider auch Regine Günther, verlängerten gerade mal die Schutzfristen, aktuell bis 2030.

 

Und wie ist jetzt der Stand der noch nicht gesicherten Anlagen?

Acht der neun Anlagen mit Schutzfrist wurden im Kleingartenentwicklungsplan inzwischen auf die nächsthöhere behördliche Stufe „langfristige Sicherung ist geplant“ gehoben. „Storchennest“ und „Alt-Hellersdorf” sind bereits in Bebauungsplänen festgesetzt, gleiches wurde für „Kressenweg” und „Werbellinbecken” eingeleitet. An „Goldkörnchen“ im Wilhelmsmühlenweg schließt sich ein Biotop-Weiher an, dort sollte eine Sicherung ebenfalls  bald klappen. Selbst die Flächen in privater Eigentümerschaft sind weitgehend gesichert, vor allem die „Mosbacher Straße”. Es gibt nur noch eine Anlage, die – zur Hälfte – einer privaten Erbengemeinschaft gehört. Diese letzte private Fläche für immer zu sichern, ist mein größter Wunsch. Denn es gibt Denkmodelle im Land Berlin, private Kleingartenflächen zu kaufen und in kommunale umzuwandeln. Unser Verband hat jedenfalls schon mal einen entsprechenden Antrag gestellt.

 

Welche Unterstützung erhieltet und erhaltet ihr von kommunalen Politikern?

Petra Pau im Bundestag, die Abgeordneten Iris Spranger, Stefan Ziller und auch der Verordnete Alexander Herrmann – um nur einige zu nennen – setzen sich immer für uns ein. Auf der Regierungsseite arbeitete ich bisher mit fünf Stadträten zusammen und es ist stets in gegenseitigem Vertrauen gutgegangen. Einer der ersten Unterstützer für die Sicherung und Erweiterung der „Dahlwitzer Straße” in den 1990er Jahren war Stadtrat Dr. Heinrich Niemann. Bürgermeisterin Dagmar Pohle hielt immer ihr Wort. Und der ehemalige Stadtrat Christian Gräff brachte zügig einen Bebauungsplan für eine Anlage auf privatem Kirchenland durch. In letzter Zeit erhielten wir auch Unterstützung für die „Gärten für die Zukunft“ in der Cecilienstraße, für die Erweiterung von „Storchennest” und jetzt für unsere neue Anlage „Hellersdorfer Gut”. So viel Neues gibt es nicht so schnell wieder.

 

Da kommt also nichts mehr?

Fast. Im „Dahlwitzer Areal” bleibt eine ehemalige Trockenrasenwiese für uns frei, wobei noch Platz für einen Spielplatz bleiben wird. Der Bezirk bemüht sich also, für den Notfall Flächen vorzuhalten – dafür kann man nicht genug danken!

 

Lieber Norbert, Du hast die Gabe, andere mit ins Boot zu holen.

Tatsächlich habe ich unter den Abgeordneten und Bezirksverordneten immer Partner gefunden. Jemand aus dem Bundestag hat sogar dabei geholfen, die Frage der Gebühren für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zu klären.

 

„Storchennest“ bekam „Junge“?

Es sind fünf Parzellen, wir konnten sie im Mai fertig übergeben. Nach Übergabe des Areals im September 2020 beräumten wir eine stark zugewachsene Fläche, wir legten Parzellen an, sorgten für Zäune, Strom und Wasser und bauten einen Weg. Es blieb sogar Platz für eine kleine Naschobstwiese für alle Besucher.

 

Und das „Hellersdorfer Gut“?

Neben dem Wohnungsbau bleiben für unsere neue Anlage „Hellersdorfer Gut“ etwa 9.000 Quadratmeter, für immerhin 25 Parzellen.

 

Eure Mitglieder müssen Regeln beachten. Seid Ihr da streng?

Mitglieder sollten sich vorher über unsere Festlegungen im Klaren sein, zum Beispiel wie die Hecke geschnitten werden muss. In den Vereinsversammlungen versuche ich den Pächtern zu erklären, dass die Regeln Sinn machen. In diesem Zusammenhang sei auch mal gesagt, dass Kleingärtner eine Pacht von lediglich 36 Cent pro Jahr und Quadratmeter zahlen. Wenn sie aber die Gartentür hinter sich zu machen, dann ist ihr Kleingarten wie ein Privatgrundstück und ganz sicher ihr kleines Paradies.

 

Über die Arbeit auf Landesebene gäbe es viel zu sagen, doch dafür reicht hier der Platz nicht aus. Was sind Deine weiteren Aktivitäten?

Ich war drei Legislaturperioden lang Vizepräsident des Landesvorstandes Berlin der Gartenfreunde und wurde jetzt gebeten, erneut zu kandidieren. Andererseits weiß ich nicht, ob ich am „Hellersdorfer Gut“ bildlich gesprochen, ein Zelt aufschlagen muss, um alles ordentlich durchzuziehen.

 

Dabei bist Du schon 77 und übrigens in den letzten Jahren gar nicht älter geworden!

Das ist mir auch aufgefallen (lacht), bis auf die Haare. Jahrzehntelang war ich nicht krank geschrieben. Meine Aufgaben kann ich auch nur im gesunden Zustand schaffen, denn einschließlich Samstag und Sonntag kommen durchaus mal 60 Wochenstunden zusammen.

 

Was sagt denn Deine Frau dazu?

Als ehemalige Lehrerin hat sie auch heute noch einiges zu tun. Aber was mich betrifft, so hätte ich mich schon entlassen, wenn ich meine Frau wäre. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an meine liebe Christine für ihr Verständnis! Übrigens, im Lockdown wäre uns ohne einen Garten die Decke auf den Kopf gefallen.

 

Ihr seid sonst viel auf Reisen.

Ja, zum Beispiel in Asien. Erst vor 18 Jahren lernte ich tauchen. Ich liebe es, mit riesigen Mantas zu schwimmen und genieße dabei die Ruhe.

 

Gespräch: Ute Bekeschus