Auf einen Schnack mit der Regierenden

Franziska Giffey bei ihrer Paradedisziplin "Ortstermin" an der ISS Mahlsdorf

Auf einen Schnack mit der Regierenden

Große Aufregung Ende Mai an der Integrierten Sekundarschule (ISS) Mahlsdorf. Es ist bundesweiter EU-Projekttag und Polit-Prominenz hat sich angekündigt: In einer halben Stunde kommt Franziska Giffey zu Besuch. Bis dahin liegt noch ein ganzes Stück Arbeit vor den Zehntklässlerinnen und Zehntklässlern.

In der Lehrküche wird fleißig geschnippelt und gewuselt. Einige Jugendliche haben Salate, Kuchen und herzhafte Snacks von zu Hause mitgebracht. Nun wandern die internationalen Spezialitäten auf das Buffet in der Aula. Zur gleichen Zeit geht eine Gruppe Jugendlicher ein letztes Mal die Fragen für die anstehende Podiumsdiskussion durch, während ein paar Räume weiter Plakate gebastelt werden. Die Uhr tickt. Um Schönheit geht es jetzt nicht mehr: Hastig werden Überschriften gestaltet, die wichtigsten Infos zusammengetragen und aufgeklebt – Punktlandung. Fünf Minuten vor der Angst fällt einer Schülerin ein, dass sie für ihre Präsentation noch keinen Plan hat: „Was genau müssen wir jetzt eigentlich vorstellen?“, will sie wissen. Lehrerin Selma Paul, die Deutsch und Gesellschaftswissenschaften unterrichtet, bleibt entspannt und erklärt es ihr. 

 

Vorzeigeprojekt der Schulbauoffensive

Am Eingang begrüßt ein kleines Empfangskomitee Berlins Regierende Bürgermeisterin. „Ich freu‘ mich sehr und muss mal sagen: tolle Schule. Die sieht echt super aus.“ Natürlich weiß Giffey, dass die im Sommer 2019 eröffnete Holzmodulschule in Mahlsdorf der erste fertiggestellte Neubau im Rahmen der Berliner Schulbauoffensive war. Das dürfte auch ein Grund sein, warum sie sich für den Termin ausgerechnet den Standort in Mahlsdorf ausgeguckt hat. Investitionen in die Bildung stünden neben dem Bau neuer Wohnungen ganz oben auf ihrer Agenda, betont Giffey, als sie nach Zielen für die Legislaturperiode gefragt wird. „Wir wollen noch ganz viele zusätzliche Schulen bauen und andere wieder in Ordnung bringen.“

 

Denn Schulplätze fehlen – nicht nur in Marzahn-Hellersdorf – und der Sanierungsstau ist gigantisch. Beim Rundgang muss die „Landesmutter“ feststellen, dass selbst das ziemlich neue Gebäude der ISS Mahlsdorf schon Mängel hat, die man zwar nicht sehen, dafür aber riechen kann: Trotz geschlossener Türen strömt aus den Sanitäranlagen im grünen Treppenhaus ein übler Geruch. „Dieser Toilettengestank begleitet uns seit der Inbetriebnahme des Hauses“, klagt Schulleiterin Sybille Fricke. „Wir haben das schon bei unterschiedlichen Stellen angemahnt, aber bislang sind alle Bemühungen versandet.“ Sie vermute, dass mit dem überdachten Abzug etwas nicht stimme, so Fricke.

 

Sozial durchmischte Klassen an Mahlsdorfer Oberschule

Interessiert lässt sich die Bürgermeisterin an diesem Nachmittag durch die Räume der Schule führen, erkundigt sich nach WLAN, Online-Vertretungsplänen, Smartboards und die digitale Kommunikation zwischen Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern. In einigen Klassenzimmern stellen Mädchen und Jungen ihre Projektarbeiten vor. Sie referieren über die Idee und Bedeutung der Europäischen Union, ihre Geschichte und die Frage, wie die EU unser aller Alltag beeinflusst. Giffey hört aufmerksam zu. Nach den Kurzvorträgen kommt sie mit den jungen Leuten zu Themen wie einem möglichen EU-Beitritt der Ukraine und der aktuellen Flüchtlingspolitik ins Gespräch. „Habt ihr hier Kinder und Jugendliche aus der Ukraine?“, fragt die Bürgermeisterin. Zu der Zeit sind es acht.

 

Ohne großes „Tamtam“ seien die Geflüchteten aufgenommen und auf jene Klassen verteilt worden, die sich dazu bereiterklärt hätten, verrät Sybille Fricke. Mit Integration kennt sich die Schulgemeinschaft schließlich aus. Gewi-Lehrerin Corinna Domke sagt, sie unterrichte in ihrer Klasse Schülerinnen und Schüler aus zwölf verschiedenen Nationen mit völlig unterschiedlichen sozialen Hintergründen. „Von der Chanel-Handtaschenträgerin bis zum Geflüchteten, der mit dem Schlauchboot nach Europa gekommen ist, haben wir hier alles dabei.“ Obwohl die Schule im Siedlungsgebiet liege, mangele es also nicht an sozialer Durchmischung in den Klassen. Domke findet das total gut. 

 

Podium, Politik und private Einblicke

Bildungserfolg und Chancengleichheit sind dann auch ein Thema bei der abschließenden Podiumsdiskussion. Was für ihr berufliches Leben besonders prägend war, will eine Schülerin von Giffey wissen. Die SPD-Frau muss nicht lange überlegen: Das sei der Blick in eine Statistik zu den Gymnasialempfehlungen in Berlin gewesen, erinnert sie sich. Damals habe der Anteil in Neukölln bei 20 Prozent und in Steglitz-Zehlendorf bei über 60 Prozent gelegen. „Was nicht daran liegt, dass die Kinder im sozialen Brennpunkt weniger talentiert sind oder dümmer geboren werden“, stellt die 44-Jährige klar. Sie bekämen zu Hause manchmal einfach nicht ausreichend Förderung. Der Wunsch, mehr Bildungsgerechtigkeit herzustellen, habe sie schließlich in die Politik geführt. 

Die Zehntklässlerinnen und Zehntklässler erfahren von Giffey außerdem, dass ihr Wecker morgens um 5 Uhr klingelt und der Tag immer mit der Presseschau beginnt, wie sie mit Hasskommentaren im Internet umgeht, was sie monatlich verdient und warum sie nicht Englisch- und Französischlehrerin geworden ist. „Das war mein totaler Traumberuf“, gesteht die Regierende. Aber wegen einer unheilbaren Kehlkopfmuskelschwäche rieten ihr die Ärzte von der Berufswahl ab. 

 

Tipps für die Namenssuche von der Bürgermeisterin

Ganz zum Schluss gibt es noch Blumen für und Selfies mit dem prominenten Gast. Ein Wiedersehen ist geplant, wenn für die ISS ein passender Name gefunden worden ist. Bislang habe sich die Schulgemeinschaft noch keine großen Gedanken über die Benennung gemacht, räumt Schulleiterin Sybille Fricke ein. Das solle sich aber ändern. „Ich gebe mal einen Denkanstoß“, sagt Giffey. „Wir haben in Berlin unheimlich viele Straßen und Schulen, die nach Männern benannt sind.“ Daher würde sie die Berücksichtigung von weiblichen Persönlichkeiten bei der Namenssuche begrüßen und wolle sich auch mal Gedanken machen, wer da vielleicht infrage käme.