„Es fing nicht mit Gaskammern an.“

Dezentrales Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus 

"Es fing nicht mit Gaskammern an."

Es begann mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten vor über 90 Jahren und endete mit der Ermordung von Millionen Menschen. Am vergangenen Wochenende erinnerte das bezirkliche „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ anlässlich des 78. Jahrestages der Auschwitz-Befreiung gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern sowie Parteienvertreterinnen und -vertretern vielerorts in Marzahn-Hellersdorf an die Opfer des NS-Regimes. Dabei wurde auch die Mahnung laut, hier und heute wachsam gegenüber demokratiegefährdenden Entwicklungen zu sein. 

„Es fing nicht mit Gaskammern an. Es fing an mit einer Politik, die vom ,Wir gegen Die‘ sprach“, sagte Dagmar Poetzsch, Vorsitzende des DGB-Kreisverbands Ost, am Samstagnachmittag auf dem Otto-Rosenberg-Platz, wo die Nazis 1936 ein Zwangslager für Sinti und Roma errichtet hatten.

Heute ist der Ort Gedenkstätte: Zehn Ausstellungstafeln informieren über die Geschichte des Lagers und über die Schicksale der dort internierten Menschen, von denen viele letzten Endes ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurden. 

 

„In Auschwitz gab es einen Lagerteil, der extra für Sinti und Roma war. Sie haben dort sozusagen ausgeharrt, wurden auch für Experimente missbraucht und am Ende ins Gas getrieben“, berichtete der Fraktionschef der Linken in der BVV, Bjoern Tielebein. Am Gedenkstein für Sinti und Roma auf dem benachbarten Parkfriedhof hatte er ein Blumengebinde mit Trauerschleife und der Aufschrift „In Gedenken an die Opfer des Porajmos“ niedergelegt. „Porajmos“ bezeichnet den Völkermord an den europäischen Sinti und Roma, der anders als die „Shoah“ – also die systematische Verfolgung und Ermordung von etwa sechs Millionen Jüdinnen und Juden – nach wie vor eher ein Schattendasein in der deutschen Gedächtniskultur fristet.

 

Eine weitere, bislang wohl noch weniger beachtete Opfergruppe der nationalsozialistischen Vernichtungsideologie rückte bei einer Gedenkstunde vor dem Gutshaus Mahlsdorf in den Fokus. Die bezirkliche Queer-Beauftragte Vanessa Krah und die stellvertretende BVV-Vorsteherin Chantal Münster (Grüne) sprachen über Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität verfolgt wurden. 

 

Bezirksbürgermeister Gordon Lemm (SPD) erinnerte in seiner Rede auf dem Otto-Rosenberg-Platz an die historische Verantwortung Deutschlands. Die vielen Ermordeten sollten Mahnung sein, alles dafür zu tun, dass sich die Geschichte nicht wiederhole. Es dürfe nie wieder Krieg und Faschismus von Deutschen ausgehen, so Lemm. Die Linken-Abgeordnete Dr. Manuela Schmidt pflichtete ihm bei: „Tage wie heute nutzen dem Erinnern, aber erinnern müssen wir uns jeden Tag, jede Woche, jeden Monat. Wir haben keine Schuld an dem was passiert ist, aber wir haben eine Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder passiert“ – und das gelinge nur, „wenn wir als Demokratinnen und Demokraten zusammenstehen“. 

 

Die Geschichte zeige, wie wichtig es sei, wachsam zu sein und aktiv für den Erhalt der Demokratie einzutreten, erklärte Bezirksstadträtin Juliane Witt (Linke). Sie zog auch Parallelen zwischen dem Niedergang der Weimarer Republik und dem hier und jetzt. Geschickt nutzten die Nazis damals die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Krisen für ihre Zwecke, versprachen einfache Lösungen für komplexe Probleme und setzten auf klare Feindbilder. Ihre Radikalität und Gefährlichkeit wurden von vielen zu lange unterschätzt. Auch heute gebe es wieder Stimmen, die meinen, „es müsse einfach mal wieder Zucht und Ordnung herrschen" und es könne doch nicht schaden, wenn mal andere Parteien wie etwa die AfD an die Macht kämen, sagte Witt. Wo das damals endete, wisse man heute. Mit Blick auf die Wahlen am 12. Februar gebe es daher einen wichtigen Auftrag: Die Menschen in den verbleibenden Tagen davon zu überzeugen, „ihre Kreuze bei einer demokratischen Partei zu machen“.