An seinem Todestag erinnert eine Tagung an das Wirken des Kaulsdorfer Pfarrers
Heinrich Grübers Hilfe und Widerstand
Am 29. November 1975 starb Heinrich Grüber, nach dem in Kaulsdorf ein Platz und eine Straße benannt sind. An seinem 50. Todestag erinnert eine Tagung in der Evangelischen Akademie zu Berlin (Charlottenstraße 53/54, 10117 Berlin-Mitte) an das Wirken des evangelischen Pfarrers während der NS-Diktatur. Beginn ist um 10 Uhr.
Am 24. Juni 1891 im rheinischen Stolberg geboren, wurde der studierte Theologe Grüber 1934 evangelischer Pfarrer in Kaulsdorf. 1938 gründete er im Auftrag der nazikritischen Bekennenden Kirche das sogenannte „Büro Grüber“ – eine Anlaufstelle für christlich getaufte Jüdinnen und Juden. Es hatte zunächst seinen Sitz im Kaulsdorfer Pfarrhaus, später in der Oranienburger Straße. Etwa 2.000 Menschen sollen Grüber und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten geschützt und ihnen zur Flucht aus Deutschland verholfen haben.
Heinrich Grüber über die Novemberpogrome 1938:
„Am 9. November erlebte ich nachmittags in der Stadt, wie jüdische Menschen mißhandelt und ihre Geschäfte geplündert wurden. Abends im Kaulsdorfer Pfarrhaus sowie auch in den kommenden Tagen und Wochen versuchte ich mit Hilfe meiner Familie, meiner Vikarin und treuer Gemeindemitglieder aus der Bekennenden Kirche jene gehetzten Menschen, die bei uns anklopften, irgendwo unterzubringen. Nachts kamen die Verfolgten zu Dutzenden ins Haus: Menschen, die sich nicht trauten, in ihren Wohnungen zu bleiben. Sie wurden von uns vorwiegend in den Laubenkolonien im Norden und Osten von Kaulsdorf versteckt. Aber es fand damals keiner das entscheidende Wort. Die Menschen sahen zu, einige beiseite.“
Quelle: Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Lichtenberg und Friedrichshain, S. 244
Über ökumenische Kontakte erwarb das Büro die notwendigen Ausreisevisa; ebenso notwendig war eine gewisse Zusammenarbeit mit den NS-Behörden, die zunächst noch Interesse an einer jüdischen Auswanderung hatten. Es war eine Gratwanderung. 1940 hatten die Nazis genug: Am 19. Dezember wurde Heinrich Grüber verhaftet, nach Sachsenhausen verschleppt und schließlich nach Dachau gebracht. Es wird vermutet, dass ein Protestbrief des Pfarrers gegen die sogenannte Wagner-Bürckel-Aktion, bei der konvertierte Jüdinnen und Juden ins französische Lager Gurs deportiert worden waren, den Ausschlag für seine Inhaftierung gab. Auch viele seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kamen in Konzentrationslager. Das Hilfsbüro wurde geschlossen.
Im Juni 1943 kam Grüber, der in Dachau mehrere Herzinfarkte erlitten hatte, wieder frei. Unter strengen Auflagen durfte er seine Pfarrstelle in Kaulsdorf wieder übernehmen. Dort erlebte er das Kriegsende, wechselte danach jedoch als Pfarrer nach Berlin-Mitte, wo er 1945 die Evangelische Hilfsstelle für ehemals Rasseverfolgte gründete. 1949 wurde er Beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Regierung der DDR, bis er 1958 als unerwünschte Person von dieser Funktion entbunden wurde.
Im Eichmann-Prozess in Jerusalem 1961 sagte Grüber als einziger Nichtjude gegen den Angeklagten aus. Obwohl auch eine Reihe antisemitischer Äußerungen von ihm öffentlich wurde, ehrte ihn die israelische Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem 1964 als „Gerechten unter den Völkern“. 1970 verlieh ihm die Stadt Berlin die Ehrenbürgerwürde.
Seinen 50. Todestag nehmen die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, der Förderverein der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen sowie die Stiftung Büro Pfarrer Grüber zum Anlass, um das vielfältige, widerständige Wirken des evangelischen Pfarrers zu würdigen. „Mit der Veranstaltung wollen wir nicht nur an einen bedeutenden Menschen erinnern, sondern auch fragen: Welche Inspiration, welche Ermutigung und welche Fragen entstehen, wenn wir uns Heinrich Grüber nähern? Wofür kann er heute eine Bedeutung haben?“, heißt es in der Ankündigung.
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