Pyrotechnik-Präventionsprojekt am ukb soll nach erfolgreicher Premiere fortgeführt werden
Was Feuerwerk anrichten kann
Ein dumpfer Knall, dichter Rauch steigt auf, Tausende Fetzen fliegen über die kleine Brachfläche auf dem Campus des Unfallkrankenhauses Berlin (ukb). Der große Kohlkopf, der eben noch auf dem Boden lag, ist in Sekundenbruchteilen vollständig pulverisiert worden. „Der schnellste Krautsalat der Welt“, sagt Ingo Schubert trocken. Mit einem vergleichsweise kleinen, unspektakulär wirkenden Böller demonstriert der Geschäftsführer der Pyrogenie Feuerwerk GmbH, welche Wucht zehn Gramm Blitzknallsatz entfalten können.
Einige Schülerinnen und Schüler aus der ISS Mahlsdorf schauen erschrocken, andere gebannt. Wie verheerend die Folgen sein können, wenn ein solcher Sprengkörper in der Hand detoniert, davon haben sie spätestens jetzt eine sehr konkrete Vorstellung.
Die Live-Vorführung ist Teil des Präventionsprojekts C.L.E.V.E.R., das Mitte Dezember am ukb Premiere hatte. Die Abkürzung steht für „Check Life, Explosionen verursachen ernsthafte Risiken“. Gemeinsam mit Polizei, Feuerwehr und dem Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk e. V. (bvpk) hat die Marzahn-Hellersdorfer Klinik für diesen Tag sieben Stationen entwickelt, die von Jugendlichen aus den umliegenden Schulen durchlaufen werden – beginnend beim unsachgemäßen Zünden eines (illegalen) Böllers über Feuerwehr- und Rettungseinsatz bis hin zu Schockraum und Handchirurgie. Ergänzend klärt die Polizei über rechtliche Folgen auf.
„Wir hatten bereits Mitte November das erste Kind, das sich mit selbstgebasteltem Feuerwerk so schwer an der Hand verletzt hat, dass wir die Finger nicht mehr retten konnten“, sagt Prof. Dr. Leila Harhaus-Wähner, Direktorin der Klinik für Hand-, Replantations- und Mikrochirurgie am ukb. Die Silvesternacht sei für das Unfallkrankenhaus immer eine ganz besondere, betont die Ärztin. „Darauf bereiten wir uns gezielt vor.“ Der erste Schwung an Verletzten komme oft schon vor Mitternacht, ab etwa 0.30 Uhr steige dann die Zahl der Schwerverletzten deutlich an. Rund ein Drittel von ihnen sei unter 18. „Die feiern häufig schon allein, ohne Eltern“, oft sei Alkohol im Spiel. „Vielen ist schlicht nicht bewusst, welche Sprengkraft hinter der Pyrotechnik steckt“ – und dass eine Nacht ein ganzes Leben auf den Kopf stellen kann. „Wir hoffen, mit C.L.E.V.E.R. für die Gefahren eines unsachgemäßen Umgangs mit Feuerwerkskörpern nachhaltig sensibilisieren zu können. Jedes Kind, das wir dadurch vor schweren Verletzungen schützen können, ist ein Erfolg.“
Draußen erklären Pyrotechniker, wie solche Verletzungen entstehen – und warum schon der Weg bis zur Zündung gefährlich sein kann. Neben Ingo Schubert ist auch Torsten Kurtzweg von der Firma Firefashion aus Hoppegarten dabei. Er weist darauf hin, dass Pyrotechnik selbst beim Transport hochsensibel ist: „Wir haben dafür spezielle Fahrzeuge und spezielle Ausrüstung, alles muss besonders verpackt sein. Man will sich gar nicht ausmalen, was passiert, wenn so ein Effekt im Auto losgeht.“ Genau hier sieht Felix Martens, geschäftsführender Vorstand des Bundesverbands für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk, ein wachsendes Problem. Seit den Verbotsjahren der Corona-Pandemie habe illegales Feuerwerk deutlich zugenommen. Die Ware stamme teils aus dem Ausland, etwa aus Polen, wo sie legal erhältlich sei, werde aber auch über Messenger-Dienste wie Telegram oder TikTok bestellt und per Paketdienst verschickt. Mit ein paar Klicks lasse sich so eine Kugelbombe ordern – oft ohne dass der Fahrer wisse, was er da eigentlich transportiert. Das könne, warnt auch die Polizei, „komplett schiefgehen“.
Wie fatal falsche Handhabung und das Zünden illegaler Böller enden können, erklären die Pyrotechniker am Beispiel sogenannter Kugelbomben. Werden sie professionell gezündet, steigen sie aus einem Rohr auf und zerlegen sich hoch am Himmel. Werden sie falsch eingesetzt, passiert das Gegenteil: Stichflamme, Explosion am Boden, schwerste Verletzungen. „Wer den Kopf über dem Rohr hat, braucht sich danach keine Sorgen mehr zu machen“, sagt Ingo Schubert nüchtern. Auch das Ablegen auf dem Boden sei lebensgefährlich. Torsten Kurtzweg hofft, dass das Projekt keine Eintagsfliege bleibt, sondern fortgeführt und ausgebaut wird. „Ich bin recht optimistisch, dass wir das im nächsten Jahr wieder machen werden“, sagt Prof. Dr. med. Leila Harhaus-Wähner.
Auch die Berliner Polizei warnt eindringlich vor illegaler Pyrotechnik. Sprecher Florian Nath berichtet von mehr als 150 beschlagnahmten selbstgebauten Sprengkörpern seit November, von Lagerfunden, Ermittlungen und von der vergangenen Silvesternacht, in der ein Kollege fast verblutet wäre, nachdem er einen Sprengkörper gegen die Wade bekommen hatte. „Das Setting des Feierns wird dann plötzlich zum Tatort“, sagt Nath. Angriffe auf Einsatzkräfte – auch sie sind an diesem Tag ein Thema.
„Wer Risiken einordnen kann und die Herausforderungen von Einsätzen kennt, trägt dazu bei, Eskalationen zu vermeiden und Einsatzkräfte wirksam zu unterstützen“, sagt Vinzenz Kasch, Sprecher der Berliner Feuerwehr, über die Bedeutung des Präventionsprojekts. Er erwartet an diesem 31. Dezember wieder „die heißeste Nacht des Jahres“ mit etlichen Bränden und Verletzten.
Am Ende des Tages bleiben viele Eindrücke. Und der zerfetzte Kohlkopf auf der Wiese. Ein einfaches Bild, das im Gedächtnis hängen bleibt.





