Am Samstag wurden im Bezirk Stolpersteine geputzt, Blumen niedergelegt und Geschichten erzählt, die nicht vergessen werden dürfen
Gedenken an NS-Opfer – direkt vor der Haustür
Leise, aber sichtbar, mit kleinen dezentralen Gedenk-Aktionen wurde im Bezirk anlässlich des bevorstehenden Holocaust-Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Statt einer großen zentralen Kundgebung ging es an verschiedenen Stationen ums Innehalten im unmittelbaren Umfeld – genau dort, wo unfassbares Unrecht geschah, mitunter aber auch Widerstand geleistet wurde: auf Straßen, an Plätzen, Kirchen, Wohn- und Geschäftshäusern – und an Orten ehemaliger Zwangslager.
Das „Bündnis für Demokratie und Toleranz am Ort der Vielfalt Marzahn-Hellersdorf“ hatte in seinem Aufruf zum „Stillen Gedenken“ deutlich gemacht, dass es nicht nur um Rückblick gehe, sondern auch
um den Blick nach vorn: „Wir nehmen unsere historische Verantwortung für die Verbrechen des NS-Regimes wahr. Gleichzeitig schauen wir weiterhin mit Sorge auf die kontinuierlich wachsenden
extrem rechten Aktivitäten in Marzahn-Hellersdorf und die weltweiten Wahlerfolge von teils extrem rechten Parteien.“ Das Gedenken solle als ein Zeichen gegen Antisemitismus, Nationalismus
und Faschismus verstanden werden.
Eine jüdische Familie, ausgelöscht von den Nationalsozialisten
Am Mahlsdorfer Friedhofseingang in der Lemkestraße 156 kamen Menschen zusammen, um die Stolpersteine der Familie Guthmann zu reinigen und Blumen niederzulegen – die jüngste Teilnehmerin war sieben, die älteste 74 Jahre alt. Während die kleinen Messingplatten von Patina befreit und wieder zum Glänzen gebracht wurden, berichtete Renate Schilling vom Heimatverein über das Schicksal der Familie Guthmann, die fast komplett von den Nationalsozialisten ausgelöscht wurde.
Ihren Wohnort hatten die Guthmanns auf dem heutigen Friedhofsgelände, wo heute eine Gedenktafel steht. Sie wurde 2018 eingeweiht. Zuvor war im Jahr 2008 der Guthmann-Platz benannt und 2013 das Stolperstein-Projekt des Otto-Nagel-Gymnasiums umgesetzt worden.
Das Haus hatte der 1885 geborene Otto Guthmann einst selbst gebaut. Mitte der 1930er-Jahre zog er dort mit seiner Frau und den vier Kindern Berthold, Leopold, Hans und Eva ein. 1937 kam die jüngste Tochter Maria zur Welt.
Als die antisemitische Verfolgung immer massiver wurde, versuchte die Familie, nach Südamerika zu emigrieren – vergeblich. Der älteste Sohn Berthold war in einer Widerstandsgruppe aktiv. Am 5. September 1942 wurde er im Alter von 18 Jahren nach Riga deportiert, später von einem Konzentrationslager ins nächste verschleppt. Er starb am 3. März 1945 im KZ Rehmsdorf, einem Außenlager von Buchenwald – nur wenige Wochen vor der Befreiung.
Sein Vater Otto und die beiden Brüder mussten Zwangsarbeit bei verschiedenen Berliner Betrieben leisten. Am 27. Februar 1943 wurden sie im Zuge der sogenannten „Fabrikaktion“, einer Großrazzia gegen Jüdinnen und Juden, verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Auch die weiblichen Familienmitglieder wurden in das Vernichtungslager verschleppt.
Nur Leopold Guthmann überlebte den Holocaust. Auf einem Todesmarsch wurde er am 13. April 1945 von Soldaten der US-Armee befreit. Er starb 2009 im Alter von 83 Jahren in Belgien.
Das frühere Haus der Familie verschwand aus dem Stadtbild: Es soll nach der Verhaftung geplündert und im März 1943 bei einem Luftangriff zerstört worden sein. Zur Erweiterung des Friedhofs wurde das verwilderte Grundstück auf Antrag des Stadtbezirks Lichtenberg 1967 gegen Entschädigung enteignet. Die erste Bestattung in diesem Bereich fand 1968 statt.
Stationen gegen das Vergessen
Neben dem Friedhofseingang in der Lemkestraße gab es an sechs weiteren Stationen ein gemeinsames Innehalten: an der Stele für die beiden Widerstandskämpfer Dorothee und Harald Poelchau (Poelchaustraße, Ecke Märkische Allee), vor der ehemaligen Praxis des 1933 ermordeten Arztes Dr. Arno Philippsthal in Biesdorf (Oberfeldstraße 10) und vor dem Gutshaus Mahlsdorf, einstige Wirkungsstätte von Charlotte von Mahlsdorf (Hultschiner Damm 333). Weitere Stationen gegen das Vergessen waren die Dorfkirche Kaulsdorf, wo eine Gedenktafel an die Verdienste des Nazi-Gegners Heinrich Grüber erinnert (Dorfstraße 10), die Gedenktafel für die Opfer der Euthanasie vor der Krankenhauskirche im Wuhlgarten (Brebacher Weg 15) und die Informationsstelen gegenüber dem Standort des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers Kaulsdorfer Straße 90.
Gedenken auf dem Otto-Rosenberg-Platz
Am eigentlichen Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar, – 81 Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau – findet im Bezirk um 12.30 Uhr auf dem Otto-Rosenberg-Platz die gemeinsame Veranstaltung vom Verein Gedenkstätte Zwangslager Berlin-Marzahn e. V., dem DGB-Kreisverband Berlin-Ost und dem „Bündnis für Demokratie und Toleranz am Ort der Vielfalt Marzahn-Hellersdorf“ statt.





