Der letzte Einkauf: Kaulsdorf nimmt Abschied vom Lieblingsladen

 Das Lebensmittelgeschäft der Familie Vollack schließt 

Der letzte Einkauf: Kaulsdorf nimmt Abschied vom Lieblingsladen

Einem Kiez wird sein Herzstück herausgerissen: Nach fast 50 Jahren schließt im Mädewalder Weg das Lebensmittelgeschäft der Familie Vollack. Für viele Menschen war der kleine Laden mehr als nur eine Einkaufsmöglichkeit – er war sozialer Mittelpunkt, ein Wohlfühlort, an dem man sich traf und auch mal Sorgen teilte, ein Stück Zuhause. Ob Süßigkeiten nach der Schule, Obst und Gemüse, Eier und Wurstwaren aus der Region oder andere Waren des täglichen Bedarfs: Auf gerade einmal 70 Quadratmetern fanden die Leute aus Kaulsdorf hier das Wichtigste für den Alltag – und bekamen „für umme“ obendrauf die neuesten Neuigkeiten aus dem Kiez. Spontane Begegnungen zwischen Tür und Kasse, bei denen man eine halbe Stunde blieb, obwohl man nur schnell reinhuschen wollte, waren bei Vollack quasi vorprogrammiert.

Stammkunden, Freunde und Wegbegleiter – am Freitagnachmittag sind sie alle noch einmal zusammengekommen, um sich bei Heiner Vollack, seiner Exfrau Heike und dem restlichen Team zu bedanken. Auf dem Gehweg vor dem Geschäft ist kein Durchkommen mehr. Immer wieder bleiben Passanten stehen, erkennen Bekannte, werden in Gespräche gezogen. Die Stimmung schwankt zwischen Dankbarkeit und Traurigkeit. Es fließen Tränen, schnell folgt eine Umarmung, ein aufmunterndes Lächeln. 

 

Engagierte Bewohnerinnen, allen voran Juliane Falk und Isabell Springmann, haben die Feier organisiert und die Nachbarschaft zusammengetrommelt. Sie haben ein Album zusammengestellt, gefüllt mit Momenten aus einem halben Jahrhundert. Der Bläserchor eröffnet die Veranstaltung mit der melancholischen Beatles-Ballade „Yesterday“. Später singen die Kaulsdorfer gemeinsam den Song „Kleiner Laden“. Harry Walther, ein Musiker aus der Nachbarschaft, hat ihn zum Abschied geschrieben. Die Liedtexte wurden vorab verteilt. 

 

Vertreter der Kaulsdorfer Bürgerrunde bedanken sich, die Kontaktbereichsbeamtin überreicht selbstgemalte Bilder vom Laden, die Freiwillige Feuerwehr schaut vorbei. Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU), die hier ihren Wahlkreis hat, nimmt ebenfalls persönlich Abschied. Die Bäckerei Müller überreicht einen als Erinnerungsbuch gestalteten  Kuchen zum Dank für die jahrzehntelange Zusammenarbeit. Es gibt Blumen und viele warme Worte.

 

 

Die Großen fressen die Kleinen

Erst Anfang Dezember hatte Heiner Vollack seine Lieferkunden über die schwierige wirtschaftliche Lage des Geschäfts informiert. Steigende Kosten und Löhne sowie ein drastischer Umsatzeinbruch ab Herbst nach der Neueröffnung von Rewe und Aldi an der B1 führten zum Aus. Am Ende musste der Chef seine Mitarbeiter aus eigener Tasche zahlen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Eine Perspektive sah Vollack nicht mehr. 

 

Ganz verabschiedet er sich aber nicht. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite geht es weiter. Dort betreibt der 60-Jährige bereits eine Drogerie mit Postfiliale, die nach dem Schlecker-Aus vor über zehn Jahren eröffnet wurde. „Wir erfinden uns neu“, sagt Heinz Vollack. Ein reduziertes Lebensmittelangebot soll es dort künftig auch geben: Eier, Wurstwaren und Salate von den vertrauten Lieferanten, außerdem Getränke und das eine oder andere Spezialangebot. Ideen gibt es genug. „Ich hoffe, wir sehen uns in der Drogerie. Bestellt ordentlich Pakete und schickt ordentlich zurück – dann habe ich auch noch was davon“, sagt er bei der Abschiedsparty mit einem Augenzwinkern.

 

Wohnungen statt Kiezladen

Auch für den bisherigen Standort gibt es bereits Pläne. Heinz Vollack wird das Grundstück verkaufen. Dort und auf dem angrenzenden Grundstück Georgstraße 14 sollen neue Wohnungen errichtet werden. Zwar liegt noch keine Baugenehmigung vor, aber ein positiver Bauvorbescheid, wie das Bezirksamt auf Nachfrage bestätigt. Auf der Internetseite des Projektentwicklers 🔗 ist zu lesen, dass ein Mehrfamilienhaus mit fünf Geschossen und Tiefgarage geplant ist. Vorgesehen sind rund 60 Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen.