Weil Wohnen emotional ist, braucht die Debatte mehr Pragmatismus

STADT UND LAND-Geschäftsführer Ingo Malter im Interview

Weil Wohnen emotional ist, braucht die Debatte mehr Pragmatismus

Das landeseigene Unternehmen STADT UND LAND bewirtschaftet in Berlin über 53.000 Wohnungen, einen großen Teil davon in Marzahn-Hellersdorf. Geschäftsführer Ingo Malter spricht im Interview mit der „Hellersdorfer“ über Stromausfälle, Neubau und Begriffe wie „Wohnungsnot“ und „Mietenwahnsinn“.

■ Das Jahr begann für den Südwesten Berlins ziemlich düster. Wie stark waren Ihre Bestände vom großflächigen Stromausfall betroffen?

Der Blackout ist an unseren Mieterinnen und Mietern glücklicherweise recht glimpflich vorbeigegangen. Betroffen waren einige Hundert Wohnungen – gemessen an unserem Gesamtbestand also relativ wenige.

 

■ Worin bestanden für Sie als Vermieter die größten Herausforderungen in der Krise?

Probleme bereitete uns weniger der Stromausfall an sich, sondern vielmehr die Folgewirkungen. Moderne Heizungsanlagen sind stromabhängig. In einigen Häusern funktionierten die Heizungen auch nicht, als der Strom wieder verfügbar war. Wir mussten schnell reagieren und haben in Einzelfällen Ölradiatoren organisiert und verteilt. Die meisten Betroffenen haben sich allerdings selbst geholfen und sind vorübergehend bei Freunden oder Verwandten untergekommen. 

 

■ Was nehmen Sie aus diesem einschneidenden Ereignis mit?

Wir wollen über alle uns zur Verfügung stehenden Kanäle noch stärker vermitteln, wie sich Menschen in solchen Situationen verhalten können und was im Ernstfall konkret zu tun ist. Dazu gehört auch die Botschaft, sich nicht ausschließlich auf Hilfe vom Staat, der Wohnungsbaugesellschaft oder anderen Institutionen zu verlassen, sondern sich gegenseitig zu unterstützen.

Selbstverständlich entziehen wir uns nicht der Verantwortung, aber wir können auch nicht überall gleichzeitig sein. Unsere Kolleginnen und Kollegen sind beispielsweise spätabends durch die Häuser gegangen und haben an Türen geklopft, um hilfsbedürftige Menschen zu finden. Idealerweise wissen Nachbarn, wer im Haus Unterstützung braucht, bieten Hilfe an oder geben uns entsprechende Hinweise. Für diese „Kümmererkette“ wollen wir künftig noch stärker sensibilisieren.

 

■ Treffen Sie persönlich zu Hause Vorsorge für den Krisenfall?

Ja, in gewissem Rahmen schon – wobei ich mir bewusst bin, dass nicht alle diese Möglichkeiten haben. Wir wohnen in einem Einfamilienhaus und können im Notfall zumindest ein Zimmer über einen Kaminofen heizen. Unabhängig davon halten wir – wie empfohlen – Trinkwasser und haltbare Lebensmittel für unseren Vier-Personen-Haushalt vor.

 

■ Würden Sie das auch Ihren Mieterinnen und Mietern empfehlen?

Vorratshaltung in Maßen halte ich für sinnvoll – ohne dabei in Prepper-Mentalität zu verfallen. Diesel, Propangasflaschen oder ähnliche Brennstoffe gehören übrigens nicht in Wohnungen. Wir hatten vereinzelt solche Fälle, und das ist schlichtweg gefährlich.

 

■ Wie ist es mit staatlicher Vorsorge?

Ich erinnere in Gesprächen mit der Politik gern an die Zeit vor der Wende. Damals war der Berliner Senat auf Vorgabe der Alliierten verpflichtet, eine sogenannte Senatsreserve vorzuhalten – mit Kohle, Öl und Lebensmitteln. Das war eine Lehre aus der Blockade von Berlin-West. Ich finde das sinnvoll.

 

■ Hat die STADT UND LAND nach dem Blackout ihre Notfallpläne angepasst?

Dafür brauchen wir kein solches Ereignis. Wir haben eigene Organisationseinheiten, die sich permanent auch mit Krisenmanagement beschäftigen. Es gibt klare Alarmketten und einen Bereitschaftsdienst rund um die Uhr. Wir sind da sehr gut aufgestellt und lassen unsere Prozesse zudem regelmäßig extern überprüfen.

 

■ Wenn wir schon bei Krisen sind: Was macht die „Wohnungskrise“ in der Stadt? 

Wenn wir über Krisenbegriffe sprechen, lohnt sich eine Differenzierung. Der Berliner Wohnungsmarkt ist ohne Zweifel angespannt, die Nachfrage hoch und das Angebot begrenzt. Von einer tatsächlichen Wohnungsnot im engeren Sinne – also dem massenhaften Verlust von Wohnraum ohne realistische Ausweichmöglichkeiten – sind wir jedoch weit entfernt. Solche Situationen finden sich eher in Regionen, die durch Krieg oder Naturkatastrophen zerstört wurden. Aber hier herrscht weder Krise noch „Mietenwahnsinn“. Unser durchschnittlicher Bestandsmietpreis liegt bei 7,03 Euro nettokalt pro Quadratmeter und Monat. Die anderen landeseigenen Gesellschaften bewegen sich in ähnlichen Bereichen. Ja, es gibt vereinzelt auch Wohnungen mit Quadratmeterpreisen von 15 Euro – das betrifft bei der STADT UND ungefähr ein Prozent der insgesamt 53.000 Wohnungen, während 82% unter 8 Euro/m² pro Monat liegen.

Ich würde mir in der Debatte mehr Gesamtschau wünschen. Zur Wahrheit gehört auch: Berlin hat einen der höchsten Wohnflächenverbräuche pro Kopf und gleichzeitig mit die günstigsten Mieten unter den europäischen Metropolen.

 

■ Trotzdem erleben viele Menschen steigende Mieten als große Belastung. 

Was absolut nachvollziehbar ist. Wenn ich mir die Ausgaben eines durchschnittlichen Haushalts anschaue, ist die Miete mit Abstand der größte monatliche Einzelposten. Dass Menschen bei diesem Thema besonders sensibel reagieren, ist völlig verständlich.

Gleichzeitig kann auch die Wohnungswirtschaft nicht zaubern. Wir erhöhen Mieten nicht aus Profitgier, sondern um unseren Verpflichtungen nachkommen zu können: Wir müssen neu bauen, Bestände sanieren, energetisch modernisieren, Klimaziele einhalten und dauerhaft für warmes und sicheres Wohnen sorgen. All das kostet sehr viel Geld – und auch an uns gehen die allgemeinen Kostensteigerungen nicht vorbei. 

 

■ Wie läuft es aktuell mit dem Neubau bei der STADT UND LAND?

Wir haben einen gut geölten Neubau-Motor. Jedes Jahr stellen wir mehrere Hundert Wohnungen fertig. Unser größtes Sorgenkind sind derzeit baureife Grundstücke. Bebaubare Flächen sind noch da, oft fehlt aber Baurecht, das erst durch langwierige Bebauungsplanverfahren hergestellt werden muss.

 

■ Kann dabei der neue Bau-Turbo der Bundesregierung helfen?

Ja, wir erhoffen uns bei den Bebauungsplanverfahren durch den Bau-Turbo Zeitgewinne von mehreren Monaten bis hin zu anderthalb Jahren. Das wäre auch dringend nötig, denn in Berlin dauern solche Verfahren in der Regel viel zu lange. Natürlich sind das Prozesse, die sich erst über Jahre hinweg bewerten lassen. Aber das Potenzial ist da, davon brauchen wir noch viel mehr. Ich begrüße die Richtung ausdrücklich: weniger Bürokratie, schlankere Verfahren und eine kritische Überprüfung von Standards auf ihre Verhältnismäßigkeit. Nicht jeder Standard trägt im gleichen Maß zur Qualität bei, verzögert aber Projekte erheblich.  

 

■ Bauen Sie auch weiterhin im Bestand?

Das machen wir nach wie vor, auch wenn es bekanntlich nicht immer auf Begeisterung in der Nachbarschaft stößt. In Hellersdorf haben wir das erlebt. Wir alle haben einen ausgeprägten Wunsch nach Sicherheit, und dass die Welt so bleibt, wie man sie kennt. 

Im Nachhinein zeigt sich dann aber, dass es richtig war, zu bauen. Alle diese Wohnungen werden uns aus den Händen gerissen. Wichtig ist deshalb, dass wir mit den Menschen vor Ort in den Dialog treten, Kritik ernst nehmen und manchmal auch einfach aushalten. Das gehört dazu und das tun wir. Und man darf nicht vergessen: Wir alle wohnen in Wohnungen, die irgendwann einmal gebaut werden mussten. 

 

 

Das viel diskutierte Wohnungsbauprojekt der STADT UND LAND in der Lily-Braun-Straße
Das viel diskutierte Wohnungsbauprojekt der STADT UND LAND in der Lily-Braun-Straße

 

■ Haben Sie in Marzahn-Hellersdorf neue schlüsselfertige Ankaufprojekte ins Auge gefasst?

Aktuell nicht. Wir haben Potenziale in Pankow genutzt, werden auch in Lichtenrade tätig und prüfen Projekte in anderen Bezirken, etwa in Treptow-Köpenick. Noch ist aber nichts spruchreif.  

 

 Wohnen und Mieten werden im Wahlkampf eine zentrale Rolle spielen. Welches Thema sollte Ihrer Meinung nach mehr Beachtung finden?

Ich halte eine deutlich treffgenauere Mietengestaltung für nötig, die sich stärker an der Leistungsfähigkeit der Haushalte orientiert. Über die Kooperationsvereinbarung mit dem Land Berlin haben wir bereits ein Leistbarkeitsversprechen abgegeben. Wenn Haushalte durch eine Mieterhöhung überfordert sind, nehmen wir die Erhöhung ganz oder teilweise zurück. Derzeit profitieren aber auch gutverdienende Haushalte von sehr günstigen Mieten öffentlicher Wohnungsunternehmen – das ist nicht Sinn der Sache. Ich plädiere deshalb dafür, Mietgestaltung stärker vom Einkommen abhängig zu machen. Rechtlich ist das allerdings komplex, weil hier auch Bundesrecht greift. Sinnvoll wäre aus meiner Sicht, die Einkommenssituation nicht nur beim Einzug, sondern regelmäßig abfragen zu dürfen und die Mietgestaltung daran auszurichten.

 

 Die Reform des Gebäudeenergiegesetzes lässt weiter auf sich warten. Sind Sie als landeseigenes Unternehmen entspannt, weil ein Großteil Ihrer Bestände fernwärmebeheizt ist?

Nein, ganz im Gegenteil. Das Thema betrifft uns stark und beschäftigt mich auch persönlich sehr. Rund 25 Prozent unserer Anlagen betreiben wir selbst, und auch diese müssen bis 2045 CO2-neutral umgerüstet werden. Das ist technisch hochkomplex. In großen Wohnanlagen lässt sich eine Gasheizung nicht einfach durch eine Wärmepumpe ersetzen. Wir prüfen daher intensiv verschiedene Kombinationen, etwa aus tiefer Geothermie, Luft-Wärmepumpen und Abwasser-Wärmerückgewinnung – und denken auch wieder stärker über dezentrale, resilientere Versorgungslösungen nach, damit bei Störungen nicht gleich Zehntausende Wohnungen betroffen sind. All das kostet sehr viel Geld, das wir nicht aus Steuermitteln erhalten, wie viele glauben, sondern zu über 90 Prozent aus unseren Mieteinnahmen und zusätzlichen Kreditaufnahmen.

 

 Was wünschen Sie sich vom Bund als Gesetzgeber?

Mehr Technologiefreiheit und mehr Pragmatismus. Wir müssen vor Ort entscheiden können, welche Lösungen sinnvoll sind, und wir sollten den Mut haben, Standards zu hinterfragen. Auch etablierte Regelungen, die nicht auf Gesetzen beruhen, sollten hinterfragt werden.  Ich weiß, das ist provokant: Aber warum gelten 21 Grad Raumtemperatur als gesetzt? Ich habe zu Hause ein Foto von zwei alten Zimmerthermometern, eines von ca. 1880 und eines von ca. 1930 – beide markieren eine empfohlene Raumtemperatur deutlich unter 21 Grad. Schon ein Grad weniger spart rund sechs Prozent Energie. Bei 53.000 Wohnungen ist das erheblich. Wir müssen uns ehrlich fragen, welches Anspruchsniveau wir uns langfristig leisten wollen.

 

 Neben der Wohnraumversorgung engagiert sich die STADT UND LAND auch stark im sozialen Bereich, vor allem im Sport. Warum?

Die Förderung von Kindern und Jugendlichen ist für uns ein echtes Herzensthema. Sportvereine geben vielen jungen Menschen Halt, Struktur und Gemeinschaft – Dinge, die manchen sonst fehlen. Deshalb unterstützen wir bewusst sowohl lokale Vereine wie Eintracht Mahlsdorf als auch den Spitzensport – etwa die BR-Volleys, den 1. FC Union Berlin oder Hertha BSC. Deren Erfolge begeistern Kinder und schaffen Vorbilder. Das gilt auch für den Parasport, in dem Menschen zeigen, was trotz großer Einschränkungen möglich ist. Solche Lebenswege geben Mut und Orientierung. Gleichzeitig wollen wir auch das Ehrenamt stärken, ohne das Sport in dieser Stadt überhaupt nicht funktionieren würde.

 

 Wie sieht Ihr Engagement in diesem Jahr in Marzahn-Hellersdorf aus?

Das reicht von vielen kleineren Sach- und Geldspenden bis hin zu Sponsoring und eigenen Veranstaltungen. Dazu gehören unter anderem die Kooperation mit Eintracht Mahlsdorf und dem Bildungsdienstleister Schlaufuchs, die Unterstützung der Sportlerehrung und des Konzertformats „Pyramidale Spin-Off“. Außerdem findet am 27. Juni 2026 die Mini-WM statt. Und natürlich bringen wir im Sommer auch wieder das Balkonkino auf den Cecilienplatz.

 

 Ihre Gesellschaft unterstützt auch das Stolpersteinprojekt für NS-Opfer – zuletzt in Johannisthal, wo Gedenksteine für die Familie Levi verlegt wurden. Gehört Erinnerungskultur auch zu den Aufgaben eines landeseigenen Unternehmens? 

Erinnerungskultur zu pflegen ist Aufgabe der gesamten Gesellschaft – und wir sind Teil davon. Ich halte es für wichtig, sich zu vergegenwärtigen, wie schnell Unrecht entsteht, dass es jeden und jede treffen kann und dass wir Lehren daraus für die Zukunft ziehen.