Verkehrssicherheit: Reicht eine feste Messstelle für einen ganzen Bezirk?
Marzahn-Hellersdorf Schlusslicht beim Blitzen
Wird in Marzahn-Hellersdorf weniger gerast als im Rest der Stadt? Sind die Autofahrer hier einfach entspannter unterwegs? Wer sich die neuesten Zahlen der Polizei zu Geschwindigkeitskontrollen anschaut, könnte das glatt glauben. Während es im Jahr 2025 berlinweit mehr als 1,19 Millionen Mal blitzte, blieb es am östlichen Stadtrand vergleichsweise ruhig. Mit gut 19.000 Verstößen ist Marzahn-Hellersdorf Schlusslicht unter den Bezirken. In Mitte dagegen arbeiten die Blitzer im Dauerbetrieb und knipsten im selben Zeitraum mehr als 220.000 Verkehrssünder-Fotos.
Auch wenn auf den Straßen des Innenstadtbezirks mehr los ist, dürfte das nur ein Teil der Erklärung für die eklatanten Unterschiede sein. Deutlich wird auch: Die Polizei hat Marzahn-Hellersdorf nicht im gleichen Maß im Fokus ihrer Kontrollen wie anderer Bezirke. Ein Blick in die Antwort des Senats auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Alexander J. Herrmann zeigt: Im gesamten Bezirk steht lediglich ein stationärer Blitzer – der Rest sind mobile Geschwindigkeitsmessungen.
Die einzige fest installierte Messanlage steht am Blumberger Damm 283. Sie registrierte im Jahr 2025 insgesamt 1.215 Verstöße. Während sich in allen anderen Bezirken mehrere feste Säulen zu lohnen scheinen, bleibt es in Marzahn-Hellersdorf bei diesem einen Punkt.
Raser-Hotspots in Marzahn-Hellersdorf
Dass auch hier vielerorts zu schnell gefahren wird, zeigen die mobilen Messungen. Sie erfassten im letzten Jahr 18.024 Überschreitungen. Besonders oft wurden Verkehrsteilnehmer in der Raoul-Wallenberg-Straße (2.022 Verstöße) beim Rasen erwischt. Auch in der Straße Am Niederfeld (1.988), am Blumberger Damm (1.954), auf der Märkischen Allee (1.686), der Bitterfelder Straße (1.547), der Apollofalterallee (1.334), in Alt-Biesdorf (888), der Pilgramer Straße (783), der Allee der Kosmonauten (746) sowie an der Kreuzung Blumberger Damm/Cecilienstraße (432) tappten Verkehrsteilnehmer regelmäßig in die Radarfalle.
Die Unfallstatistik passt ins Bild. Auch in Marzahn-Hellersdorf gibt es Orte, an denen Geschwindigkeit zum Risiko wird: Neben dem Blumberger Damm sind das die Märkische Allee (14 Unfälle), die Allee der Kosmonauten (7) und die Bitterfelder Straße (4). Trotzdem entstanden daraus bislang keine neuen festen Messstellen. Aktuell stünden für deren Anschaffung ohnehin keine Mittel im Haushalt des Landes Berlin zur Verfügung.
Abgeordneter fordert „Lizenz zum Blitzen“ für Bezirke
„Geschwindigkeitsüberwachung gehört zu einem funktionierenden Rechtsstaat und sorgt für mehr Sicherheit, mehr Rücksicht sowie besseren Schutz für alle Verkehrsteilnehmer“, sagt der CDU-Abgeordnete Alexander J. Herrmann. Mehr feste Blitzer für Marzahn-Hellersdorf fordert er dennoch nicht. „Wir brauchen nicht mehr stationäre Messstellen.“ Stattdessen plädiert Herrmann für flexiblere Lösungen. Stationäre Anlagen seien oft bekannt und führten nur zu kurzfristigem Abbremsen. Mobile Kontrollen hingegen setzten genau dort an, „wo aktuell eine konkrete Unfallgefahr im Alltag besteht“.
Doch bis überhaupt gemessen wird, vergeht oft Zeit. Üblicherweise läuft es so: Hinweise aus der Bevölkerung landen zunächst bei den Abgeordneten, Bezirksverordneten oder der Bezirksspitze. Es werden Anträge geschrieben, beraten, beschlossen – und schließlich vom Bezirksamt an die Polizei herangetragen. Herrmann empfindet Vorgehen als zu träge. Daher spricht er sich dafür aus, den Bezirken eigene Kompetenzen zu geben – zumindest für mobile Kontrollen im Nebenstraßennetz. „Der Senat sollte die Bezirke stärker einbinden, auch mit der Option, eigene Messungen durch die Ordnungsämter durchzuführen“, erklärt er.
Der Bezirk könnte dadurch viel flexibler reagieren – etwa in der Gutenbergstraße, die den Kaulsdorfer Galgen mit der Gülzower Straße verbindet. Anwohner berichten dort regelmäßig von riskantem Verhalten – etwa durch Motorradfahrer, die Fahrbahnschwellen umgehen, indem sie auf den Gehweg ausweichen. Kontrollen finden dort bislang kaum bis gar nicht statt.
Nicht alle Verstöße werden geahndet
Und selbst wenn geblitzt wird, hat das nicht immer Folgen: Berlinweit mündeten 2025 rund 87,5 Prozent aller gemessenen Verstöße in Verfahren, in Marzahn-Hellersdorf waren es immerhin knapp 90 Prozent. Heißt: Längst nicht jeder erfasste Verstoß wird geahndet. Ein Teil der Fälle wird eingestellt oder gar nicht weiterverfolgt. Gründe dafür sind unter anderem begrenzte Kapazitäten in der Bußgeldstelle, aber auch technische und rechtliche Hürden: Messungen werden verworfen, etwa wegen Toleranzen oder unscharfer Aufnahmen, in anderen Fällen lässt sich der Fahrer nicht eindeutig identifizieren.
Marzahn-Hellersdorf steht damit zwischen zwei Deutungen: Auf der einen Seite ein Bezirk mit relativ geringer Unfallbelastung und vergleichsweise wenig Geschwindigkeitsmessungen. Auf der anderen Seite Straßen, auf denen regelmäßig zu schnell gefahren wird – sichtbar in den mobilen Messdaten. Klar ist aber auch: Sicherheit entsteht nicht nur durch Kontrolle, sondern vor allem durch das Verhalten jedes Einzelnen.

