Queere Sichtbarkeit im Bezirk
So Bunt, laut und politisch war die Marzahn Pride
Mehrere Hundert Menschen haben am Samstag bei der Marzahn Pride für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, mehr Sichtbarkeit und ein sicheres Leben für queere Menschen demonstriert. Regenbogenbunt, laut, mit Transparenten, Fahnen und Seifenblasen zogen sie von der Allee der Kosmonauten am Helene-Weigel-Platz zum Fest auf dem Victor-Klemperer-Platz. Die von dem gemeinnützigen Verein Quarteera auf die Beine gestellte Veranstaltung fand zum siebten Mal statt.
Zum Auftakt sprachen der Berliner Queerbeauftragte Alfonso Pantisano und der Marzahn-Hellersdorfer Bezirksstadtrat für Jugend, Familie und Gesundheit, Gordon Lemm. Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (alle SPD) trat zur Abschlusskundgebung auf. Unter die Demonstrierenden mischten sich auch die Spitzenkandidierenden von Linken und Grünen für die kommende Abgeordnetenhauswahl, Elif Eralp und Werner Graf.
Feste Größe im Pride-Kalender der Stadt
Gordon Lemm verwies in seiner Rede auf die gewachsene Bedeutung der Veranstaltung. Sie habe inzwischen „einen festen Platz im Pride-Kalender der ganzen Stadt Berlin“. Gleichzeitig beklagte er die zunehmenden Anfeindungen gegen queere Menschen. „Sichtbarkeit allein reicht nicht mehr aus“. Es gehe auch darum, auf Hass im Netz sowie Übergriffe im öffentlichen Raum aufmerksam zu machen, erklärte der linke Sozialdemokrat. Kritik übte er außerdem an Kürzungen bei queerer Infrastruktur und queeren Projekten.
Alfonso Pantisano schlug einen ähnlichen Ton an. Er warnte vor einer steigenden Zahl queerfeindlicher Gewalttaten, die neuerdings immer häufiger auch über Dating-Plattformen angebahnt würden. Viele Fälle würden jedoch nicht bei den Behörden landen, weil Betroffene aus Angst oder Scham auf eine Anzeige verzichteten. „Wir brauchen eure Anzeigen, um das Dunkelfeld aufzuhellen und vor allem um diese Täter ausfindig zu machen“, betonte er.
Pantisano äußert sich bei Kundgebung zum „Cruising“ an den Kaulsdorfer Seen
In seiner Rede griff Pantisano auch die aktuelle Diskussion um die Kaulsdorfer Seen auf. Dabei geht es um Cruising – also spontane, oft auch anonyme sexuelle Kontakte – an den Uferbereichen und in den angrenzenden Gebüschen des Landschaftsschutzgebietes. Auslöser der Debatte waren Aussagen der in Kaulsdorf und Mahlsdorf direkt gewählten CDU-Abgeordneten Katharina Günther-Wünsch, die von einer zunehmenden Belastung für Familien und Erholungssuchende berichtete. Pantisano widersprach dieser Darstellung und verwies auf Gespräche mit Polizei und Bezirksamt. Nach seinen Angaben seien den Behörden keine Hinweise auf eine erhebliche Zunahme entsprechender Vorfälle bekannt.
Kritik äußerte er zudem an einem Zaun nahe dem „Cruising-Park“ an den Kaulis. Dieser sei offiziell zum Schutz der Vegetation errichtet worden, erschwere aus seiner Sicht jedoch die Sicherheit vor Ort. Bei Übergriffen oder sogenannten „Hetzjagden“ auf queere Menschen würde diesen der Fluchtweg versperrt, was sie in eine gefährliche Situation bringe. Deshalb forderte Pantisano das Bezirksamt auf, den Zaun wieder zu entfernen.
Polizei nimmt rechte Störer fest
Gestört wurde der Marzahner CSD von wenigen Rechtsextremen. Nach Angaben der Berliner Polizei erhielten mehrere von ihnen Platzverweise. Vier seien später erneut im Umfeld der Versammlung erschienen und daraufhin in Gewahrsam genommen worden. Zudem wurde ein Streamer vorläufig festgenommen, nachdem er den Berliner Queerbeauftragten während dessen Rede live im Netz beleidigt hatte.
Pantisano machte den Vorfall am Folgetag öffentlich. Besonders beschäftigt habe ihn der fremdenfeindliche Satz „Verpiss dich in dein Land“, der während des Livestreams gefallen sein soll. Solche Vorfälle seien Ausdruck einer zunehmenden gesellschaftlichen Enthemmung und einer Entwicklung, die nicht nur im Internet stattfinde, sondern sich zunehmend auch auf die Straße verlagere. Betroffen seien dabei nicht nur Queere, sondern ebenso Menschen mit Migrationsgeschichte, Fluchterfahrungen oder Behinderungen.
„Rechtsextreme sind eine Realität in diesem Land“, erklärte Pantisano. Sie würden sich organisieren, Menschen bedrohen und an Einfluss gewinnen. Entscheidend sei deshalb, ihre Ideologie nicht zu verharmlosen. Sie dürften nicht bestimmen, wer sichtbar sein, sicher leben und als Teil dieses Landes gelten darf.
Abgesehen von den vereinzelten Störungen blieb die Stimmung auf der Marzahn Pride friedlich. Gefeiert wurde bis zum späten Nachmittag.


